Im Bereich eMedien ist Deutschland (gewolltes) Entwicklungsland – ein Beispiel

Ich bin ein Mensch, der gerne für einen Dienst bezahlt, wenn dieser gute Leistung bringt. Und ich glaube fest daran, dass es einige Menschen wie mich gibt und dass die Content-Industrie viel Geld mit mir und diesen anderen machen könnte, wenn sie es uns nicht vermiesen würden.

Die Geschichte, die ich erzählen will, hat sich vor ein paar Monaten abgespielt und ist für mich immernoch einer der absurdesten Auswüchse, die lobbyhörige Gesetzgebung in der letzten Zeit vorgebracht hat:

Für die Uni wollte ich ein Buch kaufen: 50€ für die Softcover-Variante, 45€ für das eBook, welches laut Shop im PDF-Format angeboten werden sollte. Man mag mich für naiv halten, aber in Uni-Bibliotheken gibt es derzeit tatsächlich viele Bücher als (richtige) PDF, weil es ordentliche Verwertungsverträge der Unis mit vielen Verlagen gibt. Und das Buch so immer dabeihaben zu können (es handelte sich um ein Nachschlagewerk), war auch ein Argument. Ein anderes Format hätte ich wegen Bedenken nicht in Betracht gezogen, aber hey, was kann bei einem PDF schon schiefgehen? So einiges, wie es sich herausstellt.

Nach der Bezahlung folgte der Download, der ungemein schnell war und eine Daten mit der Endung .acsm . Etwas verwundert gab ich diesen Namen bei Google ein und siehe da, man braucht Adobe Digital Editions. Wohl ein DRM-Verwaltungsprogramm, so meine Ansicht. Ich hoffte, vielleicht so an das versprochene PDF zu kommen. Nach der Installation öffnete ich die Datei und wurde gefragt, ob ich eine Adobe ID hätte oder eine haben wollte. Hier passierte der boshafte Fehler: In meiner grenzenlosen Naivität schlug ich nicht direkt nach, was dies für folgen hatte, sondern dachte mir: Ich will ja nur mein eBook lesen, wozu brauch ich eine ID, die mich bei Adobe identifiziert. Also widersprach ich der Adobe ID. Das Buch wurde anstandslos heruntergeladen und in Adobe Digital Editions geöffnet. Dieses Programm stellte sich als noch nichtmal halb so komfortabel wie Adobe Acrobat heraus: Es ruckelt, stellt nicht schön dar und bietet keine Druckfunktion. Aber gut, wenn ich dafür das Buch wenigstens lesen kann…

Der nächste Schritt war dann, Adobe Digital Editions auf meinem Dienstlaptop zu installieren, um auch dort auf das Buch zugreifen zu können. Komischerweise wurde mir vor der Download mitgeteilt, dass meine Lizenz abgelaufen ist. Eine kurze Recherche ergab: Wenn man sich keine Adobe ID macht, kann man eBooks (die als PDF angekündigt werden) nur auf EINEM Rechner betrachten: Auf dem Rechner, auf dem man die Datei als erstes herunterlädt. Für mich eine unsinnige Lösung, die das eBook deutlich hinter einem normalen Buch anstehen lässt. Zumal ich ein normales Buch für Notizen über den Kopierer halten kann und das eBook nichtmal auszugsweise drucken. (Reinschreiben geht ja auch nicht.)

Etwas gegängelt aber immernoch guter Dinge erschuf ich nun eine Adobe ID in der festen Überzeugung, dass ich diese halt auf meinem Laptop aufrufen müsse, um die Leserechte für andere Computer unter dieser ID herstellen zu können. Nachdem ich mich unter dieser ID angemeldet hatte, vermisste ich plötzlich mein Buch. Dieses wurde aufgrund der Rechteveränderung gelöscht! Ja, genau: das „Buch“, für das ich vor noch nichtmal 30 Minuten 45€ ausgegeben hatte, war weg und ich war auf keine Weise in der Lage, es wieder herzustellen.

Fassen wir also nochmal zusammen:

  • Das eBook wurde als PDF angekündigt, war aber ein krudes PDF-ähnliches Format.
  • Die Funktionalität war deutlich hinter der eines PDF-Dokuments und besonders hinter der eines Buchs zurück.
  • Das Leseprogramm ist primitiv und langsam.
  • Ein simpler Interpretationsfehler bei der „Installation“ des Buches beschränkt die Nutzung auf einen Rechner.
  • Ein Korrekturversuch zerstört das Buch unwiderbringlich!

Mit dieser Auflistung im Gepäck, kontaktierte ich den Kundenservice dieser großen nicht-nur-online Buchhandlung. Selbstverständlich wurde keins dieser Argumente angenommen. Man verwies mich auf die „Hilfe“ der Seite, die dann tatsächlich in einer Tiefe von vier Klicks eine Beschreibung über das korrekte Handling von eBooks im PDF-Format beinhaltete. Und außerdem natürlich auch darauf, dass eBooks wegen „§ 312d Absatz 4 BGB als „Ware“ gelten, die aufgrund ihrer Beschaffenheit nicht für eine Rücksendung geeignet sind“. Mit anderen Worten – das versprochene PDF wurde nie geliefert und zurückgeben kann ich auch nichts. Das Geld ist weg, ich habe NULL Gegenleistung dafür erhalten und das ganze war komplett konform mit der deutschen Gesetzgebung.

Dies ist ein Beispiel, wie die Lobbyarbeit von VG Wort, GEMA und wemsonstnoch verschiedenen Organisationen und Unternehmen in Deutschland über Jahre hinweg durch unwissende und abnickende Politiker eine Gesetzeslage geschaffen hat, die ein grenzenlos verbraucherunfreundliches Klima erzeugt. Man will für einen Dienst bezahlen und endet nachher ohne Geld und ohne Dienst. Dabei wäre es so einfach:

Ist es zuviel verlangt, in ein dediziertes eBook-Leseprogramm auch nur eine halbwegs brauchbare DRM-Managementlösung einzubauen? iTunes macht es vor: Man kann mit wenigen Klicks einfach alle Computer, die mit dem Programm verbunden sind, trennen und eine komplett neue Rechteaufteilung starten. Die Ausgangslage ist ziemlich identisch: Warum gibt es soetwas nicht für eBooks? Mir drängt sich nur eine Antwort auf: Weil es Arbeit wäre! Aber im Sinne von Innovation und Fortschritt müssen wir langsam aufhören, uns die ängstlichen Visionen von den wenigen Großverdienern aufzwingen zu lassen, sondern diese zwingen, sich der Zukunft zu stellen!

Änderung am 17.04.2012: Nachdem sich mittlerweile drei Personen an meiner Erwähnung der VG-Wort in einer Aufzählung auf dieser Seite gestört haben und mir in diesem Zusammenhang eine „wahrheitswidrige Tatsachenbehauptung“ unterstellt wurde, habe ich die Formulierung verallgemeinert und möchte natürlich hinzufügen, dass mir zu keinem Zeitpunkt Beweise vorlagen, dass die VG Wort jemals einen für die Konsumenten negativen Einfluss auf Gesetze genommen hat oder dies in Zukunft tun wird.

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Nicht (nur) die Schulbuchverlage sollten vor Apple Angst haben…

Heute gegen 16 Uhr unserer Zeit wird Apple im Guggenheim Museum in NYC zu einem „Education Event“ laden. Allgemein erwartet wird etwas wie iBooks für Schulbücher und interaktive Lernmöglichkeiten zum Download als große Offensive, das iPad (vielleicht sogar den iPod) in die Schule zu bringen. Sicher wären das interessante Vorgänge, aber wenn man genau hinschaut, kann man schon jetzt bemerken, wie verwunderlich es ist, dass zumindest der iPod nicht schon lange Einzug in den Schulalltag gefunden hat. Und das völlig unabhängig von der Möglichkeit, durch eBooks die Schultasche leichter zu machen.

Keimzelle der Idee war der Mathematikunterricht und in diesem Rahmen der Einsatz neuer Medien, insbesondere der Einsatz von Taschencomputern. Taschencomputer sind in diesem Fall taschenrechnergroße (eventuell etwas größer) Geräte, die mindestens einen Funktionenplotter, wenn nicht sogar ein vollständiges Computeralgebrasystem (CAS) und eine Tabellenkalkulation beinhalten. Aktuell bieten Texas Instruments und CASIO diese Taschencomputer an und sie sind in einigen Bundesländern auch (teilweise mit speziellen Aufgaben) zur Benutzung in den Abschluss- bzw. Abiturprüfungen zugelassen. Diese Geräte können den Unterricht (sofern sie sinnstiftend eingesetzt werden) bereichern und haben in den letzten Jahren durchaus eine Entwicklung zum Besseren durchgemacht.

Vergleicht man allerdings diese Geräte mit einem handelsüblichen iPod touch, so fragt man sich, wieso dieser nicht flächendeckend in den Schulen eingesetzt wird. Natürlich gäbe es einige Hindernisse, auf die später eingegangen werden soll. Den Anfang macht das Display: Graphische Taschenrechner sollen auch Graphik darstellen, also ist es wichtig, ein gutes Display zu haben. In der Bildschirmdiagonale haben die Taschencomputer hier teilweise sogar die Nase vorn, aber wenn man sich die Auflösung anschaut, kommen einem fast die Tränen:

TI Voyage:      240x128 Pixel - monochrom
TI Nspire CX:   320x240 Pixel - farbig
CASIO Classpad: 160x240 Pixel - monochrom
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Apple iPod:     960x640 Pixel - farbig

Und weil Zahlen diese krasse Differenz kaum darstellen können, sind hier nochmal die Displayauflösungen im Vergleich abgebildet:

Auflösungsvergleich: Taschencomp. vs. aktueller iPod touch - entspricht in Originalgröße den tatsächlichen Pixeln

Trotz der gültigen Folgerung „mehr Pixel macht mehr Platz macht mehr Informationen machen Mehrwert“ könnte man sich auf den Standpunkt stellen, dass die Displays ja die gleiche Größe haben und deswegen auch diese Pixelzählerei ungerecht ist, aber das Aufkommen des Themas der „Displaygenauigkeit“ in mathematikdidaktischen Werken (vgl. Anselm Lambert in [1], S. 256-268) macht die Notwendigkeit dieses Arguments deutlich: Auf einem iPod touch wird die 8-fache Datenmenge des TI Nspire, die 16-fache Datenmenge des CASIO Classpads und sogar die 20-fache Datenmenge des TI Voyage dargestellt!

Die weiteren „inneren Werte“ sprechen so offensichtlich wie eindeutig für den iPod, dass es sich fast nicht lohnt, sie hier aufzuführen:

TI Voyage:        2,7 MB Speicher, 188 KB RAM
TI Nspire CX:   100   MB Speicher,  64 MB RAM ("operating memory")
CASIO Classpad:   5,4 MB Speicher, 500 KB RAM
---
Apple iPod:       8   GB Speicher, 256 MB RAM

Wer diese Auflistung als für die Schule unwichtig abtut, verkennt den Fakt, dass gerade Mathematikprogramme wie die Tabellenkalkulation in ihrem Funktionsumfang vom Arbeitsspeicher des Rechners abhängen. Spätestens jetzt sollte sich ein aber-der-Preis-Argument andeuten. Also halten wir mal die aktuellen Preise bei Amazon fest. Sicher nicht die beste Methode, einen wirklich günstigen Preis zu finden, aber immerhin chancengleich.

TI Voyage:        195€
TI Nspire CX:     149€
CASIO Classpad:   150€

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Apple iPod (8GB): 196€

Natürlich gibt es von den oberen Dreien substanzielle Rabatte für Schulklassen, aber wer würde nicht erwarten, dass Apple im Falle einer Education-Vermarktung auch stark im Preis zurück geht. Es dürfte ja sogar noch Speicher eingespart werden. (4GB reichen für alles Wesentliche in der Schule.) Gut, der iPod kommt nicht per se mit den Programmen, diee bei den anderen Geräten schon installiert sind, aber ich stelle hier mal eine Auflistung der Programme online, die man braucht, um den iPod (mindestens) ebenbürtig zu machen:

  • Pocket CAS für derzeit 7,99€ ersetzt vollständig das CAS und den graphischen Taschenrechner
  • Rudimentäre (aber für alles Wesentliche ausreichende) Tabellenkalkulationen gibt es umsonst, wenn es mehr sein soll findet man hier mehrere Alternativen von 4 bis 6$
  • Leider gibt es noch keine dynamische Geometrie, aber jeder, der schonmal mit der dynamischen Geometrie der anderen Geräte gearbeitet hat, weiß, dass die dort auch noch in den Kinderschuhen steckt. Irgendwann hab ich mal gehört, dass Cinderella oder GeoGebra durchaus mal vor hatten (noch haben) auf dem iPod laufen zu können.

Insgesamt kann man also sagen, dass man für etwa 10€ mehr den iPod auf dem Niveau der Konkurrenten hat. Er ist natürlich immernoch teurer, aber das kann man ja ganz wunderbar durch Synergien rausholen: Ein wirklich gutes PONS-Lexikon bekommt man für den iPod für 20€ pro Sprache, das World Factbook für 0,79 ct, ein komplettes auskommentiertes Periodensystem gibt es kostenlos – genau wie eine Bibel mit vergleichenden verschiedenen Versionen -, Skyview kostet 2€ und bietet großartige Erkundungsmöglichkeiten in der Astronomie, es gibt Spiele wie Slice it! (79ct), die viele mathematische Fragen aufwerfen und mit CityMaps2Go kann man für 99ct jeden Stadtplan der Welt offline verfügbar haben.

Dies Alles ist völlig unabhängig davon, dass es eBooks und iTunes U gibt. Es funktioniert bis auf die Einrichtung auch ohne Internetzugang und ist deswegen sogar Prüfungsgeeignet. Und es funktioniert schon heute! Zusätzlich würde es den Schülern das Gefühl geben, mit aktueller Technik zu arbeiten: So gut die inneren Werte der Taschencomputer mittlerweile sein mögen, sie fühlen sich an, als wären sie von vor 10 Jahren. Solange es noch doppelt und dreifach (oder vierfach) belegte Tasten gibt, sind sie es auch…

Die Probleme will ich natürlich nicht verschweigen, auch wenn ich nicht ausführlich darauf eingehen werde:

  • Die iPods müssen täglich (oder spätestens alle 2 Tage) geladen werden. Dies stellt eine logistische Herausforderung dar, da manche der anderen Geräte nur ab und zu einen Batteriewechsel brauchen (jedes Jahr oder so…) und dafür nur normale Batterien benötigen.
  • iPods sind a priori Internetgeeignet und deswegen auch problematisch. Es müsste möglich sein, die Verbindungsmöglichkeiten für Prüfungen sicher (!) abzuschalten. Bis jetzt ist dafür kein Tool vorhanden, aber es wäre sicher möglich, eins zu erschaffen, wenn man erst mal Wert auf diesen Markt legt.
  • Tatsächlich kann sich auch gegenüber den starren Geräten ein hörerer Betreuungsaufwand ergeben.
  • Der Vergleich bezieht sich auf Geräte mit CAS. Diese Einschränkung ergibt sich aus meiner Ansicht, dass man, wenn man digitale Werkzeuge nutzt, auch ordentliche zur Verfügung haben sollte. Diese ist durchaus diskutabel, schließt aber ausdrücklich nicht (!) vollständig Rechnerfreie Unterrichtsgestaltungen im Wechsel aus.

Wahrscheinlich noch so einige mehr, aber ich hoffe, die Ausführungen haben gezeigt, dass unabhängig von allem, was Apple heute nachmittag zeigt, der iPod (und, wenn man den Preis zahlen kann/will, auch das iPad) schon jetzt eigentlich die Schule vielleicht nicht umkrempeln aber intensiv modifizieren könnte.

Verweise:

[1] Barzel, B., Hußmann, S., Leuders, T., "Computer, Internet & Co. im Mathematikunterricht", Cornelson Scriptor, 2005.

SOPA Blackout Day

Hallo zusammen,

heute wird es im Internet schwarz. Der Protest gegen den Stop Online Piracy Act wird von vielen Seiten (unter anderem en.wikipedia.org) dadurch gezeigt, dass diese Seiten für heute (teilweise das „amerikanische heute“) nur eine Protestbotschaft, Informationslinks und einen schwarzen Hintergrund zeigen. Leider hab ich keine Ahnung, wie ich das hier machen könnte, aber ich möchte meine schönsten Fundstücke zum Blackout Day und SOPA hier sammeln:

Video, dass auf sehr anschauliche und drastische Weise SOPA erklärt.

Nicht ganz so informatives, aber großartiges Animated-GIF von theoatmeal.

Song, der die Situation wunderbar beschreibt und mich ein bisschen an die Deutsche Situation erinnert.

Eine unterhaltsame Blackout-Erklärung gibts (wahrscheinlich nur heute) auf http://www.telecomix.org/.

digitalegesellschaft.de erklärt, warum SOPA auch uns etwas angeht.

Ein Twitter-User, der Reaktionen der Amis auf den Blackout retweetet. Leider oft Unverständnis…

netzpolitik.org sammelt in der Galerie Blackout-Seiten.

Blogpost von der @forschungstorte, der gute Links und ein großartiges Bild hat.

Zusammenfassung auf avattar.de vom 07. Januar 2012.

Petition von avaaz.org.

XKCD wäre ja eigentlich etwas, das von SOPA „geschützt“ werden soll. Hier wird erklärt, warum der Blackout trotzdem mitgemacht wird.

Großartige Möglichkeit, als Amerikanischer Staatsbürger erst informiert zu werden und dann den Senator anzurufen.

Blogpost mit Link zu einem Presserelease der MPAA-Lobby.

Liste der unterstützenden Unternehmen.

Und wir haben unser eigenes SOPA hier in Europa: ACTA! Hier sind Links zu drei Videos, die erklären, wie wir verregiert werden und was wir tun können:

http://www.youtube.com/watch?v=p_bERAf5KAg

http://www.youtube.com/watch?v=citzRjwk-sQ

http://www.youtube.com/watch?v=-3GCzoUjx2c

EDIT: Gerade noch Googles takeaction-Seite gefunden.

EDIT2: Informationsvideo mit realen Beispielen!

Die Sache mit den 150€ und der Nacht in Berlin.

Gestern abend hat ja nun bekanntlich Herr Wulff sein Interview zur Erklärung diverser Umstände gegeben. Auf den Inhalt soll hier nicht eingegangen werden, auch wenn mir das in der Zeit seitdem auf den Fingern gebrannt hat. Mich verwunderte beim Transkribieren der geleakten Version der folgende Tweet von@dpa_infoline:

#Wulff fragt Interviewerin: „Verlangen Sie bei einer Übernachtung von Freunden 150 Euro?“ Antwort: „ja“

So so, die Frau Schausten legt Ihren Freunden, wen diese bei ihr übernachten wollen, erstmal eine Rechnung hin. Schlimm und natürlich nur lächerliches Journalistengeschwafel, wie am selben abend noch @Patrick_Kurth, @DoroBaer und @SvenVolmering über Twitter  mitteilten. Auf Basis meines Gehörs habe ich dem noch widersprochen, aber niemand ist ohne Fehler und ich brauchte Sicherheit. Gewissheit habe ich mir dann erstmal heute morgen beim Transkript des Spiegels beschafft:

Deppendorf: „Aber haben Sie kein Unrechtsbewusstsein gehabt als Ministerpräsident, sich sozusagen einladen zu lassen bei Freunden?“

Wulff: „Wenn man als Ministerpräsident keine Freunde mehr haben darf und wenn alle Politikerinnen und Politiker in Deutschland ab sofort nicht mehr bei Freunden übernachten dürfen, sondern, wenn Sie bei den Freunden im Gästezimmer übernachten, nach einer Rechnung verlangen müssen, dann verändert sich die Republik zum Negativen. Davon bin ich fest überzeugt. Und deswegen stehe ich zu diesen sechs Urlauben bei Freunden auf Norderney oder fünf, sechs Tage dort in Italien oder sieben Tage bei Freunden, mit den Freunden zusammen zu kochen, zu frühstücken, im Gästezimmer zu schlafen. Da erhebe ich auch keine Rechnung, wenn mich die Freunde hier in Berlin besuchen.“

Schausten: „Aber da hätten Sie natürlich auch sagen können: Ich gebe Euch mal pro Nacht 150 Euro. So was. Was spricht dagegen eigentlich?“

Wulff: „Machen Sie das bei Ihren Freunden so?“

Schausten: „Ja.“

Wulff: „Dann unterscheidet Sie das von mir im Umgang mit den Freunden. Jetzt als Bundespräsident, habe ich ja gesagt, war es ein Fehler, überhaupt bei einem Unternehmer zu übernachten.“

Irgendwie liest sich das doch etwas anders: Frau Schausten formuliert die Frage mit einem Verhaltensvorschlag für den Gast. Sie schlägt vor, Herr Wulff hätte von sich aus vorschlagen können, etwas zur Logis beizutragen. Die Nachfrage ob sie das tut, bejaht sie daraufhin.

Dieses Vorgehen habe ich für mich immer als Selbstverständlichkeit empfunden: Wenn Freunde mir Hilfe anbieten, dann möchte ich anbieten, ihnen (wenn auch vielleicht nur symbolisch) auch etwas dafür zu geben. Ich möchte zeigen, dass ich ihre Hilfe wertschätze und meinen Teil der Last tragen will. Bei Herrn Wulff kommt hier noch erschwerend hinzu, dass er zu diesem Zeitpunkt schon länger vom Volk auch dafür bezahlt wurde, dass er keine Almosen annehmen muss, sondern selber für seinen Lebensunterhalt sorgen kann. Ein großteil der üppigen Gehälter und Pensionen rühren doch daher, dass das Volk sich unabhängige Politiker finanzieren will.

Die 150€ kommen natürlich zu stande, weil hier von einem Aufenthalt in Luxusvillen die Rede ist. Da sind 150€ doch tatsächlich noch ein wahres Freundschaftsangebot. Aber wer hat nicht schonmal ganz schnell „Ich hol Brötchen!“ gesagt, wenn er bei einem Freund übernachtet hat? Genau so ist das gemeint.

Umso mehr verwundert mich die öffentliche Anprangerung von Frau Schausten. Von völlig unerwarteter Seite sah ich heute ein Youtube-Video, unter dem genau dasselbe Missverständnis propagiert wird. Und das obwohl ja der Originalton zu hören ist.

Die Seite Fr. Schausten muss ihre bezahlten Übernachtungen bei Freunden offenlegen. hat jetzt schon über 2000 Likes auf Facebook. Ich bin mal sehr gespannt, was passiert, wenn ich diesen Artikel dort verlinke. Es kann doch nicht sein, dass es so viele Menschen in Deutschland gibt, die ihren Freunden für eine Übernachtung oder einen anderen Freundschaftsdienst nicht auch nur eine geringe Gegenleistung anbieten, wenn sie können.

Auch das Wochenblatt hat im Onlineauftritt die Geschichte für sich entdeckt.

Sicherlich kann man vieles von verschiedenen Seiten sehen und ich freue mich auf Reaktionen, die mir dieses Vorgehen erklären können, aber verwundert verbleibe ich bis dahin.

EDIT: Die Welt hat jetzt auch einen Online-Artikel zu dem Thema.

EDIT2: Im FAZ-Interview hat Frau Schausten jetzt offiziell ihre Intention dargelegt, die sich mit meiner Interpretation deckt. Wörtlich:

Nein, natürlich nehme ich kein Übernachtungsgeld für meine Gästematratze, darum ging es auch nicht. Es ging im Gesprächskontext darum, ob man als Ministerpräsident wirklich kostenlosen Urlaub bei Millionärsfreunden annehmen darf. Der Präsident versuchte, das Thema durch seine Gegenfrage auf eine rein privat-menschliche Ebene zu verschieben, nach dem Motto „Freunde besuchen Freunde“. Mir hingegen ging es darum, deutlich zu machen, dass man bei Urlaubsaufenthalten selbstverständlich auch bei Freunden einen finanziellen Beitrag leisten kann, was ich in der Vergangenheit in der Tat auch selbst schon getan habe.

Auch Spiegel-Online berichtet mittlerweile darüber.