»Es wollen aber nicht alle ihre Musik verschenken.«

Gestern war die Mumble-Podiumsdiskussion zum Urheberrecht und ich als Neuling, was sowas angeht habe mich mal dazugeschaltet. Insgesamt war es ein sehr interessanter und mal ganz anderer Abend für mich und ich möchte hier eine Frage stellen/kommentieren, die gestern aufgekommen ist:
Auf die Frage von Bruno Kramm hin, wie sich Herr Ginthör (CEO Sony Music Deutschland) die vielen Musiker erklärt, die ihre Musik selber bei Pirate Bay anbieten, kam sinngemäß folgende Antwort (Gedächtnis, wenn jemand ne Quelle haben sollte…):

Natürlich dürfen Künstler, die das wollen, ihre Werke auch verschenken. Aber viele Künstler wollen mit ihrer Musik Geld verdienen und davon Leben.

Ach ja, wollen sie das? In meinem Kopf wollen echte Künstler Kunst machen. Wenn sie Talent und Glück haben, findet jemand das, was sie machen, gut und bezahlt Geld dafür. Leitet sich daraus ein Anspruch ab, von da an von der Kunst leben zu können?
Clara Schumann sagte »Die Ausübung der Kunst ist ein großer Teil meines Ichs, es ist mir die Luft, in der ich atme.« und genau so sehe ich künstlerisches geistiges Schaffen. Man kann nicht anders und die Verwertung passiert danach. Man bietet das, was man geschaffen hat, an und es ergibt sich eine Bezahlung oder nicht.
Ich selber fotographiere und mir wurden, ohne dass ich Aufwand in Marketing gesteckt hätte, von wildfremden Menschen Abzüge meiner Bilder abgekauft – und das für den selben Preis, der allgemein für diese Leistung bezahlt wird. Nichtsdestotrotz werde ich nicht versuchen, meinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, weil es etwas ist, das mir Spaß macht und für mich nicht mit Zwängen verbunden sein soll. Ich habe mal Lust und »Inspiration« mit der Kamera rauszugehen und mal nicht. Sicher nehme ich auch mal einen »Job« an, aber diese sind handverlesen.
Diese Situation überträgt sich auf die Musik: Fängt man an, Musik als Beruf zu machen, dann muss man sich Zwängen unterwerfen. Man muss eine bestimmte Menge Alben rausbringen, damit man über die Runden kommt, aber was kommt dabei raus, wenn man etwas Kreatives »am Fließband« produzieren muss? Nach einer gewissen Zeit (je nach Grundkreativität des Künstlers) eher nichts mehr, was die Menschen noch begeistert, weil kein Enthusiasmus, kein Mitteilungs- und Schaffensbedürfnis mehr dahinter steht. Man besorgt sich auch Songwriter, damit man überhaupt noch was zum Singen hat, weil man selber »leer« ist. Es geht um den »Job« und das hört man dann auch.
Picasso sagte »Das Geheimnis der Kunst liegt darin, daß man nicht sucht, sondern findet.« und damit muss man auch bei der Musik deutlich zwischen schaffender Kunst und Handwerk unterscheiden. Genau dieser Unterschied im Verständnis des Werkes liegt meiner Meinung nach im Zentrum der Konflikte in der Urheberrechtsdebatte, denn ein großer Teil der Musik, die uns zum Kauf angeboten wird, ist halt Handwerk und keine Kunst.
Ich behaupte, dass es genau diese Handwerks-Musik ist, die mehrheitlich runtergeladen und nicht gekauft wird. Ich verwende absichtlich diese Formulierung, weil ich nicht ausschließen will, dass auch mit Herzblut geschaffene Musik geladen wird, aber ich bin der festen Überzeugung, dass diese dann zu einem deutlich größeren Teil noch gekauft wird als der Ballermann-Hit X oder das zehnte Album eines Musikers, der schon nach zweien keine Ideen mehr hatte.
Ein Klempner, der keine gute Arbeit mehr leistet wird über kurz oder lang nicht mehr gebucht, aber ein Künstler, der mal gut war und bei einem großen Label untergekommen ist, soll garantiert bekommen, davon leben zu können, auch wenn die Leistung nicht mehr stimmt? Man sollte sich mal daran erinnern, was das Musikhandwerk, das den wirklich großen Künstlern früherer Zeit den Lebensunterhalt ermöglicht hat, bedeutete: Konzerte bei Hof und Kammermusik beim Abendessen.
Warum sollte es für die Musikschaffenden heute unzumutbar sein, nur für die wirklichen kreativen Leistungen bezahlt zu werden und das restliche Einkommen mit Handwerk zu verdienen?

Advertisements