Zahlen zur Kreativwirtschaft, Tatortautoren und Ähnlichem

Ich habe mal wieder einen Kommentar in den Weiten des Netzes hinterlassen, den ich hier Endlagern möchte.
Es geht wieder um das Urheberrecht und diesmal speziell um den offenen Brief von 51 Tatortautoren, der durch einen (sehr lesenswerten) offenen Brief von 51 Hackern des CCC beantwortet wurde. Mein Kommentar bezieht sich auf einen (in der Argumentationsstruktur recht generischen) Beitrag von Christoph Keese auf der Presseschauder.

Zuerst einmal volle Zustimmung zu TecoScr über mir. Zuerst dachte ich eigentlich, dass hier Hopfen und Malz und eine Antwort verloren ist, aber da schon eine Erwiderung mit guten Argumenten hier steht, kann ich ja noch was dazuarbeiten…
1) Wichtigster Punkt ist für mich: Wenn es Ungerechtigkeiten und Mängel im Rechtssystem gibt, dann ist mir (und gottseidank auch dem Rechtsstaat) egal, wie viele Menschen mit wie viel Geld vor wie vielen anderen Menschen mit wieviel Geld geschützt werden sollen. Also ist eigentlich schon die ganze Argumentation sinnlos und reine Zahlenpolemik. Es besteht natürlich die Grundannahme, dass es im UHG Ungerechtigkeiten und Mängel gibt, aber das setze ich mal als konsens voraus. Bei Bedarf gibts mehr Links.
2) Trotzdem möchte ich die Zahlen an einer besonders absurden Stelle mal auseinandernehmen, und zwar mit Ihren eigenen Argumenten: wieso erdreisten sich Vertreter von 60794 Angestellten der Filmbranche aus 18448 Unternehmen mit 8954 Mio€ Umsatz für die Kreativbranche zu sprechen und dabei die Probleme von 252656 Angestellen der Software-/Gamesindustrie aus 28801 Unternehmen mit 26409 Mio€ Umsatz unter den Teppich zu kehren, indem sie Ihnen keine Möglichkeit geben wollen, Ihre Arbeit wegen Trivialpatenten im gesicherten rechtlichen Raum durchzuführen? Zahlen sollte man aus der richtigen Richtung lesen. Wie groß die Pressebranche ist, ist für den Briefwechsel doch völlig irrelevant.

Der Vollständigkeit halber hier der Beitrag von TecoScr

Der Zahlensalat in Ihrem Posting erinnert vermutlich nicht nur mich an Rob Reids “The $8 billion iPod”.

Ohne die Validität Ihrer Zahlen in Frage zu stellen will ich nur darauf hinweisen, dass es keinen linearen Zusammenhang zwischen “Härte” des Urheberrechts und Jobs in der Kreativwirtschaft gibt. Anders formuliert: eine Verschärfung des Urheberrechts führt nicht zu mehr Jobs, ebenso wenig wie eine Entschärfung zu Jobverlusten führen würde. Es führt noch nicht einmal zwangsläufig zu mehr Einnahmen für die Künstler, oder zu mehr kreativen Output. Vermutlich sogar eher im Gegenteil, denn Schutzrechte auf immaterielle Güter verhindern derivative Werke. Hätte 1940 schon das heutige Urheberrecht gegolten, hätte Walt Disney bspw. nie Pinocchio drehen können (zumindest nicht ohne Collodis Erben auszuzahlen). Vermutlich wäre es seinem Film ähnlich ergangen wie FW Murnaus Nosferatu.

Das Urheberrecht hat rechtlich und ökonomisch zweifellos eine Berechtigung. Aber über seine Reichweite muss neu debattiert werden. (Anreiz-)ökonomisch lässt sich bspw. kaum begründen, dass ein heutiger Krimiautor oder Songtexter produktiver sei, wenn das Schutzrecht seiner Werke seinen Tod 95 Jahre überdauert, statt 70 oder einfach 0 Jahre. Ein so langes Schutzrecht dient nur den Erben und den Verwertern. Die wiederum sind aber nicht die Kreativen, für die das Schutzrecht einst geschaffen wurde.

In jedem Fall sollten Sie, Herr Keese, nicht den Fehler machen, allen Kritikern des geltenden Urheberrechts zu unterstellen, sie wollten es komplett abschaffen (der Hinweis geht aber keineswegs nur an Sie). Es geht nicht um Schwarz oder Weiß, sondern um Graustufen, konkret die Länge von Schutzfristen, die Reichweite von Schranken etc.

P.S.: Der Beitrag zum “The $8 billion iPod” ist sehr zu empfehlen!

Nachtrag, 6. April 2012
Auf die Nachfrage

@ Michael Rieß: Verständnisfrage: Inwieweit behindert die Filmbranche die Softwarebranche beim besseren Schutz ihres geistigen Eigentums?

habe ich unter dem Originalartikel geantwortet:

Sorry, grad erst wieder reingeschaut.
Die Filmbranche mit ihren starren Wünschen ans Urheberrecht behindert die Softwarebranche genau so, wie es der CCC schreibt: zu Beginn der Softwarepatente wurde viel Unfug patentiert bzw. geschützt (man denke an Äquivalente zur Patentierung des abgerundeten Rechtecks von Apple), unter anderem Programmbestandteile, die sich später als essenziell und generisch rausgestellt haben. Für Fortschritt ist es gerade im Softwarebereich wichtig, auf Effizienz zu achten und die Arbeit anderer aufzubauen, was aber durch die unglaublich langen Schutzzeiten erschwert wird. Wer weiß denn nich, wer vor 5 Jahren (oder so) das erste mal eine Multitouch-Geste programmiert hat? Einen Idee von den Konsequenzen bekommt man durch die ständigen Gerichtsfäle zwischen Apple, Microsoft, Nokia, Motorola und Samsung. Klar geht es da auch oft um Hardware, aber auch häufig genug um Steuer- oder Bedieneinheiten mit der enthaltenen Software.
Natürlich soll eine geniale Programmidee, auch wenn sie prinzipiell überall gebraucht wird, nicht direkt enteignet werden, aber ein zu langer Schutz bremst den Fortschritt.